Der Iran-Krieg hat zu einer hohen Nervosität an den Kapitalmärkten geführt. Die Auswirkungen sind in allen Asset-Klassen zu spüren. Daneben haben sich die Inflations- und Zinserwartungen der Marktteilnehmer:innen spürbar verändert. Die größten Ausschläge sind an den Energiemärkten zu beobachten, die zudem seit Kriegsbeginn das bestimmende Thema in den Medien sind. Wir ordnen in diesem Kapitalmarktnavigator die Geschehnisse der letzten Wochen ein.
Blick auf die Golf-Region
Durch den Krieg zwischen den USA/Isreal und dem Iran ist die Versorgungssicherheit mit Energieträgern aus dem Nahen Osten in den Mittelpunkt gerückt. Denn der Iran beschießt in Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels verschiedene Länder in der Region, die Verbündete der USA sind. So wurden Saudi-Arabien, der Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Bahrain in den Krieg hineingezogen. Saudi-Arabien ist hinter den USA der weltweit zweitgrößte Ölproduzent. Die erwähnten Länder stehen zusammen für über 21 Mio. Barrel der täglichen globalen Ölförderung bzw. für 23 % des globalen Marktes. Auf den Iran entfallen rund 3 Mio. Barrel täglich bzw. 3 %.
Bei Erdgas spielt der Nahe Osten ebenfalls eine große Rolle: Katar, das ebenso vom Iran beschossen wird, und Saudi-Arabien produzieren zusammen rund 7 % des weltweiten Erdgases. Auch der Iran ist ein großer Erdgasproduzent mit einem Anteil von etwa 6 %.
Die Länder in der Golf-Region fördern das Öl und Gas aber nicht nur für den Eigenbedarf, sondern exportieren vielmehr den Großteil ihrer Produktion. Hauptabnehmer sind asiatische Länder wie China, Indien, Südkorea und Japan. Nach Europa werden hingegen nur kleinere Mengen exportiert. Mit Blick auf die Ausfuhren ist die sogenannte Straße von Hormus in den Fokus gerückt. Denn durch diese müssen fast alle Exporte transportiert werden. Und da der Iran gedroht hat, die „Straße von Hormus“ zu „schließen“ (durch Beschuss der Schiffe und/oder durch Verminung), trauen sich kaum noch Schiffe hindurchzufahren. Mittlerweile stecken unter anderem mehrere Dutzend Supertanker im Persischen Golf fest.
Die „Straße von Hormus“ als Nadelöhr
Die „Straße von Hormus“ ist eine Meerenge zwischen der Arabischen Halbinsel und dem Iran. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und der Arabischen See und ist eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt. Zugleich ist sie die primäre Exportroute für Öl und Gas, das in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, Katar, Bahrain, dem Irak und auch Iran produziert wird. Durch die „Straße von Hormus“ werden gewöhnlich durchschnittlich 20 Mio. Barrel pro Tag an Rohöl und auch Ölprodukten (zum Beispiel Diesel, Kerosin) verschifft. Dies entspricht laut Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) rund 25 % des weltweiten seewärtigen Ölhandels. Hinzu kommen über 110 Mrd. Kubikmeter an LNG (verflüssigtes Erdgas) bzw. fast ein Fünftel des globalen LNG-Handels.
Die Möglichkeiten, die „Straße von Hormus“ zu umgehen, sind begrenzt. In Saudi-Arabien gibt es eine Pipeline, durch die Rohöl in einen Hafen am Roten Meer transportiert werden kann. Und die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über eine Pipeline, die zum Golf von Oman außerhalb der „Straße von Hormus“ führt. Durch diese beiden Pipelines könnten Schätzungen zufolge zwischen 3,5-5,5 Mio. Barrel Öl pro Tag umgeleitet werden. Dies wäre aber nur rund ein Viertel der Menge, die sonst durch die „Straße von Hormus“ verschifft wird. Im Falle von LNG gibt es gar keine alternativen Routen.
Erzwungene Produktionskürzungen
In einigen Ländern der Golf-Region musste die Ölproduktion gedrosselt werden, da das Öl nicht mehr abtransportiert werden kann und die Lagerkapazitäten vor Ort ausgeschöpft sind. Zunächst war der Irak davon betroffen, später dann auch Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien. In Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden zudem beispielsweise große Ölraffinerien nach Drohnenangriffen vorsorglich geschlossen. Im Irak wurde nach Angriffen der Betrieb aller Ölterminals eingestellt. Die IEA schätzt die Produktionsausfälle auf mindestens 8 Mio. Barrel pro Tag. In Katar wurde die LNG-Produktion im größten Verflüssigungsterminal des Landes ebenfalls wegen eines Drohnenangriffs gestoppt. Das Wiederanfahren der Anlagen dauert Aussagen von Unternehmensvertretern zufolge mehrere Tage oder sogar mehrere Wochen, so dass das Öl und Gas auch nach der Beendigung des Krieges nicht sofort wieder zur Verfügung stehen.
Lagerbestände bieten Puffer bei Lieferausfällen
Dennoch besteht auch im Falle einer längeren Unterbrechung der Öllieferungen keine unmittelbare Gefahr, dass in den Konsumentenländern das Öl ausgeht. Gemäß Daten der IEA betrugen die in den OECD-Ländern von staatlicher Seite kontrollierten Ölreserven Ende letzten Jahres 1,25 Mrd. Barrel. Davon entfielen in etwa drei Viertel auf Rohöl und ein Viertel auf Ölprodukte. Die Rohölvorräte lagern größtenteils in den USA und in der Region Asien/Ozeanien, der Großteil der Ölproduktvorräte in Europa. Hinzu kommen 2,84 Mrd. Barrel, die in den OECD-Ländern von der Industrie gehalten werden (kommerzielle Vorräte). Die zusammen gut 4 Mrd. Barrel würden theoretisch einen Totalausfall der Lieferungen durch die „Straße von Hormus“ für rund neun Monate abdecken.
Im Falle von Gas gibt es dagegen kaum strategische Vorräte und die kommerziellen Lagerbestände in Europa sind am Ende des Winters niedrig.
Maßnahmen zur Entspannung der Versorgungslage
Vorbeugend bzw. um die angespannte Liefersituation zu entspannen, wurden verschiedene Maßnahmen beschlossen oder diskutiert. So hat die IEA angekündigt, dass ihre Mitgliedsstaaten 400 Mio. Barrel Rohöl aus den strategischen Reserven freigeben wollen. Dies wäre mehr als doppelt so viel wie nach dem Beginn des Russland-Ukraine-Krieges. Der Großteil der Reservefreigabe soll in den USA erfolgen. Allerdings ist nicht bekannt, wann bzw. über welchen Zeitraum die Reserven dem Markt zur Verfügung gestellt werden. Es ist fraglich, ob die Reservefreigabe eine nachhaltige Lösung der Blockade der „Straße von Hormus“ bedeutet oder nur eine temporäre Erleichterung darstellt. Daneben hat die US-Regierung zunächst indischen Raffinerien und später generell die Erlaubnis erteilt, sanktioniertes russisches Öl zu kaufen, das derzeit in Tankern auf See lagert. Dabei handelt es sich jedoch um eher kleinere Mengen. Denkbar ist auch, dass die US-Ölproduktion ausgeweitet wird, da das deutlich gestiegene Preisniveau das Bohren nach Schieferöl wieder lukrativer macht. Allerdings müssten die Unternehmen davon überzeugt sein, dass das Ölpreisniveau längerfristig hoch bleibt. Außerdem hat US-Präsident Trump mehrfach angekündigt, die „Straße von Hormus“ zu übernehmen oder den Schiffen militärischen Geleitschutz zu geben, was bislang jedoch nicht geschehen ist.
Auswirkungen auf die Wirtschaft
Da trotz vermehrter Bekundungen des US-Präsidenten kein schnelles Ende des Iran-Krieges in Sicht scheint, sind Sorgen über die Weltwirtschaft aufgekommen. Dabei wird unterstellt, dass sich der Krieg über mehrere Monate hinzieht und damit auch der Transport von Öl und Gas länger behindert wird. Eine damit einhergehende nachhaltige kräftige Verteuerung der Energieträger könnte die Inflation wieder anfachen. Denn der höhere Ölpreis spiegelt sich bereits in den Preisen für Diesel, Benzin, Kerosin und Heizöl wider. Mit etwas Verzögerung würde sich auch der höhere Gaspreis in der Inflation bemerkbar machen. Schätzungen zufolge könnte die Teuerungsrate in der Eurozone daher wieder in Richtung 3 % steigen. EU-Wirtschaftskommissar Dombrovskis sieht die Inflation sogar über diesem Niveau. Das Wirtschaftswachstum würde durch anhaltend hohe Energiepreise wahrscheinlich gebremst werden. Das bislang für 2026 von den Marktteilnehmer:innen erwartete BIP-Wachstum der Eurozone von 1,2 % könnte laut Dombrovskis um bis zu vier Zehntel gedrückt werden. Die Wirtschaft würde sogar noch stärker getroffen werden, sollte die EZB in Reaktion auf eine steigende Inflation die Zinsen anheben.
Preisreaktionen
Die Öl- und Gaspreise sind seit dem Beginn des Iran-Krieges nach oben gesprungen. Zudem sind die Preise seitdem außergewöhnlich volatil. Der Preis der für den internationalen Ölmarkt bedeutendsten Sorte Brent hat sich seit dem 28. Februar um 42 % verteuert (Stand 13. März). In den ersten beiden Monaten des Jahres war er bereits um rund 20 % gestiegen. In der Spitze war der Preis bis auf fast 120 USD je Barrel nach oben geschossen, das höchste Niveau seit Juni 2022. Am 13. März handelte er bei 103 USD je Barrel.
Der für den europäischen Markt maßgebliche Erdgaspreis TTF ist seit Ende Februar sogar um fast 60 % nach oben gesprungen. Mit rund 50 EUR je MWh handelte er am 13. März unter der Spitze von 69 EUR, die dem höchsten Stand seit Jänner 2023 entsprach. Zwar bezieht Europa wie weiter oben angeführt nur kleinere Mengen LNG aus dem Nahen Osten und der Großteil der LNG-Importe kommt aus den USA. Am Markt herrscht aber nun die Befürchtung vor, dass die Länder, die normalerweise LNG aus dem Nahen Osten beziehen, jetzt um das für Europa bestimmte LNG konkurrieren.
Mit rund 50 % seit Ende Februar fiel auch der Anstieg des Gasöl-Preises sehr stark aus. Gasöl wird aus Rohöl hergestellt und ist ein Vorprodukt von Mitteldestillaten wie Diesel, Benzin, Kerosin oder Heizöl. Hintergrund ist, dass der Nahe Osten als Raffineriezentrum für den weltweiten Exportmarkt von großer Bedeutung ist und die Ölprodukte ebenfalls durch die „Straße von Hormus“ transportiert werden müssen. Bei den Ölprodukten ist Europa stark abhängig von Importen aus dem Nahen Osten. Besonders ausgeprägt waren die Preisanstiege in den letzten Wochen bei Diesel und Kerosin, da diese Ölprodukte jetzt anderweitig beschafft werden müssen, zum Beispiel in den USA.
Und auch auf andere Rohstoffe hat der Iran-Krieg und hier konkret die Blockade der „Straße von Hormus“ Auswirkungen: Laut Angaben der IEA werden im Falle von Düngemittel mehr als 30 % des globalen Harnstoffhandels (Urea) und rund 20 % des weltweiten Ammoniak- und Phosphat-Handels durch die Meerenge verschifft. Daneben steht die Golf-Region für über 8 % des globalen Aluminiumangebots. Und rund die Hälfte des weltweiten seewärtigen Handels von Schwefel wird durch die „Straße von Hormus“ abgewickelt. Schwefelsäure wird vielfältig eingesetzt, zum Beispiel in der Produktion von Düngemittel und Chemikalien oder in der Verarbeitung von Rohöl und Industriemetallen.
Auf den Punkt gebracht
Die Energiepreise sind in Reaktion auf den Iran-Krieg stark gestiegen, da die Marktteilnehmer:innen von umfangreichen Produktions- und Lieferausfällen ausgehen. Laut Einschätzung der IEA verursacht der Krieg die größte Störung des globalen Ölmarktes in der Geschichte. Zwar sind die Preise von ihren Höchstständen etwas zurückgekommen, sie liegen aber deutlich über den Niveaus von vor Kriegsbeginn. Je länger der Krieg andauert, umso stärker werden auch die Auswirkungen auf die Inflation und Konjunktur sein. Der bislang noch recht positive Wirtschaftsausblick wandelt sich zunehmend hin zu einem Stagflationsszenario, in dem robuste Konjunkturdaten durch Angebotsschocks überlagert werden. Sollte der Krieg jedoch bald beendet werden und die „Straße von Hormus“ wieder sicher befahrbar sein, dürfte recht schnell wieder Ruhe an den Kapitalmärkten einkehren.
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Marketingmitteilung
Stand 16.03.2026
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