(03.06.2026, Salzburg) – „Die Hoffnungen auf eine Lösung des Iran-Krieges haben den Aktienmärkten zuletzt Auftrieb gegeben. Die Wirtschaft leidet hingegen unter den Auswirkungen des Krieges und der hohen Energiepreise. In der Eurozone droht die Konjunktur abzurutschen.“ Das sagt Markus Dürnberger, Bereichsleiter Asset Management im Bankhaus Spängler, im aktuellen Kapitalmarktupdate der ältesten Privatbank Österreichs. „Dennoch dürfte die EZB kurzfristig die Zinsen erhöhen, um der anziehenden Inflation entgegenzuwirken“, ergänzt Portfoliomanager Daniel Briesemann. Ein widersprüchliches Bild – das die Experten des Bankhaus Spängler im Detail analysieren.
Konjunktur unter Druck
In der Eurozone trübt der Iran-Krieg die Konjunktur spürbar ein. So ist der kombinierte Einkaufsmanagerindex im Mai auf den niedrigsten Stand seit mehr als zweieinhalb Jahren gefallen. Historisch betrachtet ist die Wirtschaft auf diesem Niveau häufig geschrumpft. „Wegen der hohen Energiepreise halten sich viele Konsument:innen mit Ausgaben zurück. Vor allem im Dienstleistungsbereich hat sich die Stimmung weiter verschlechtert“, erklärt Briesemann. Etwas stabiler zeigt sich das verarbeitende Gewerbe, das von Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur profitiert. In den USA ist die Lage anders: Die Wirtschaft wächst weiter, da die USA als Energieexporteur von den hohen Preisen profitieren.
Inflation gewinnt an Dynamik
In der Eurozone hat die Teuerung die 3-Prozent-Marke erreicht und liegt damit deutlich über dem Ziel der EZB. Verantwortlich dafür sind die stark gestiegenen Energiepreise. Doch mittlerweile berichten auch immer mehr Unternehmen von höheren Einkaufspreisen für Rohmaterialien und Vorprodukte. „Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist real“, warnt Dürnberger. In den USA nähert sich die Inflation bereits der 4-Prozent-Marke. Neben den Energiekosten wirken auch die Zölle als Preistreiber, da importierte Güter teurer geworden sind.
EZB vor Zinserhöhung, Fed abwartend
Nach dem abgeschlossenen Zinssenkungszyklus steht die EZB nun vor einer Kehrtwende. EZB-Präsidentin Lagarde hat für die kommende Sitzung eine Zinserhöhung angedeutet. Derzeit liegt der Einlagesatz bei zwei Prozent. „Selbst wenn die Straße von Hormus rasch wieder geöffnet werden sollte, dürften die Energiepreise nicht sofort auf ihr Vorkriegsniveau zurückfallen”, so Briesemann. Ob es im weiteren Jahresverlauf zu weiteren Erhöhungen kommen wird, hängt maßgeblich von der Dauer des Iran-Krieges ab. Die Fed hat ihre Leitzinsen ebenfalls unverändert belassen. „Ob der neue Fed-Chef schnelle Zinssenkungen durchsetzen kann, ist angesichts der hohen Inflation fraglich”, sagt Briesemann. „Die Marktteilnehmer:innen erwarten auf absehbare Zeit keine Lockerung – im Gegenteil.”
Anleiherenditen gestiegen, Aktien überraschend stark
Seit Kriegsbeginn sind die Anleiherenditen deutlich gestiegen: Deutsche zehnjährige Bundesanleihen erreichten mit 3,2 Prozent den höchsten Stand seit 15 Jahren. Eine nachhaltige Entlastung ist erst mit einer Lösung des Iran-Krieges zu erwarten. An den Aktienmärkten zeigt sich hingegen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit: US-Titel liegen seit Jahresbeginn mit 11,3 Prozent vorn, angetrieben von Technologiewerten und der Euphorie um Künstliche Intelligenz. „Die Bewertungen sind allerdings wieder ambitioniert, was zur Vorsicht mahnt”, so Briesemann. Das Spängler Asset Management ist bei Aktien neutral positioniert.
Energiepreise: Achterbahn mit offenem Ende
Der Ölpreis hat im bisherigen Jahresverlauf stark geschwankt und zeitweise 120 US-Dollar je Barrel erreicht. Zuletzt fiel er auf rund 92 US-Dollar, was auf Hoffnungen auf ein Friedensabkommen zurückzuführen ist. Auch die Kerosinpreise, die im Zuge des Krieges massiv gestiegen waren, haben sich von ihren Höchstständen gelöst, liegen aber noch immer deutlich über dem Niveau vor dem Krieg. „Sollte die Straße von Hormus länger gesperrt bleiben, könnte sich die Lage ab Herbst wieder verschärfen”, warnt Dürnberger.
Ausblick: Moderates Wachstum in Sicht, aber mit erheblichen Risiken
Das Bankhaus Spängler sieht als Basisszenario moderates Wirtschaftswachstum, eine nur vorübergehend erhöhte Inflation in Europa, keine weiteren Zinssenkungen in den USA sowie graduell steigende Unternehmensgewinne. Zu den wesentlichen Risiken zählen eine deutlich stärker anziehende Inflation, hohe und weiter wachsende Staatsschulden, geopolitische Unsicherheiten sowie ambitionierte Aktienbewertungen. Chancen sieht das Bankhaus Spängler in einem möglichen Ende des Iran-Krieges, einer Entspannung im Ukraine-Krieg, sinkenden Energiekosten sowie Produktivitätsgewinnen durch den Einsatz von KI.