Haben Sie schon einmal von „Schraubmedaillen“ oder „Schraubtalern“ gehört? Noch nicht? Dann sind Sie damit in bester Gesellschaft. Auch vielen Expert:innen sind diese kleinen Wunderwerke unbekannt, obwohl sie zu den originellsten Erzeugnissen des deutschen Kunsthandwerks zählen.

Es war ein tragisches Ereignis, das vor fast 300 Jahren zur Herstellung besonders vieler Schraubmedaillen führte. Dennoch vermitteln sie bis heute Zuversicht und Gottvertrauen. Das zeigt ein Blick in die bemerkenswerte Sammlung des Bankhaus Spängler.

1731 und 1732 erregte ein Flüchtlingsstrom aus Salzburg großes Aufsehen. Mehr als 20.000 lutherische Protestant:innen, fast ein Fünftel der damaligen Bevölkerung, wurden von Erzbischof Leopold Anton von Firmian zu Rebell:innen erklärt und des Landes verwiesen. Sie zogen in großen Flüchtlingstrecks von vielen hundert Menschen quer durch Deutschland in eine ungewisse Zukunft. Die meisten wurden vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. in Ostpreußen aufgenommen (von wo ihre Nachfahren am Ende des Zweiten Weltkrieges erneut flüchten mussten). Kleinere Gruppen gingen in die Niederlande und in die englische Kolonie Georgia in Nordamerika. Heute sind ihre Nachkommen in Vereinen in Deutschland und in den USA organisiert.

Eine geöffnete Schraubmünze liegt in der Hand einer Person. Ein Blick ins Innere wird freigegeben, die silberne Vorderseite zeigt ein detailgetreues Bild.
Schraubtaler sind heute noch geheimnisvoll und unterhaltsam. Fast nie lässt das Äußere auf den Inhalt schließen, und beim Öffnen wird man von der gleichen Neugier erfasst, die schon frühere Besitzer gespürt haben müssen.

Vermarktung als Großereignis

Während ihres Marsches durch die protestantischen Teile Deutschlands erlebten die Salzburger Glaubensflüchtlinge eine ungeahnte Hilfsbereitschaft. Landauf, landab wurden sie in den Predigten lutherischer Priester zu Vorbildern erklärt, da sie bereit waren, die Heimat für ihre Konfession aufzugeben. In vielen Städten beherbergte und beschenkte man sie deshalb freudig. Spätestens ab Augsburg verwandelte sich ihr Leidensweg in einen regelrechten Triumphzug. Die Augenzeug:innen waren tief beeindruckt vom Anblick der Salzburger Glaubensflüchtlinge in ihrer exotisch anmutenden alpinen Tracht, von ihrem Gottvertrauen, ihrer Disziplin und ihrem typischen Gesang. Ihr Schicksal war ein bestimmendes Thema in den deutschen Zeitungen des Jahres 1732. Dieses Interesse ließ sich wirtschaftlich verwerten. Innerhalb kürzester Zeit erschienen zahllose Bücher, Pamphlete und Druckgrafiken zu den Salzburger Emigrant:innen, fast wie Fanartikel einer heutigen Fußball-WM. Dazu kam ein weiteres Produkt, das in der barocken Erinnerungskultur eine wichtige Rolle spielte: die Medaille. Kein anderes Fluchtereignis ist in der Medaillenkunst so oft dargestellt, wie die Emigration der Salzburger Protestant:innen. Prägungen privater Verlage in Nürnberg, Gotha und Amsterdam fanden regen Absatz als Andenken und Sammelobjekte. 

Die Motive dieser Medaillen betonen den unerschütterlichen Glauben der Emigrant:innen und den himmlischen Lohn, der sie erwartet. Anklage oder Polemik sucht man fast vergeblich. Dies liegt nicht zuletzt an zeitgenössischen Zensurgesetzen und wohl auch daran, dass die Medaillenverlage ihre katholischen Kund:innen nicht vergrämen wollten.

Geöffnete Schraubmünzen liegen auf einem Tisch und geben den Blick auf ein farbenreiches Bild im Inneren frei.
Im Inneren befindet sich ein Stapel kleiner runder Bildchen, die mit Papierstreifen verbunden sind. Wenn man sie ausbreitet, ergeben sich farbenfrohe und detailreiche Girlanden.

Schraubtaler und Schraubmedaillen – „Überraschungseier“ des Barock

Medaillen – wie auch Münzen – haben sprichwörtlich nur zwei Seiten. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts war es eine Spezialität der Augsburger Silberdrechsler, diese begrenzte Fläche zu erweitern. Sie begannen mit der Produktion hohler Schraubtaler, die, wie kleine Dosen, auf den Innenseiten gravierte oder handgemalte Bilder enthielten. Anfangs dienten sie meist als Liebesgaben, mit Porträts von Verlobten oder Eheleuten im Inneren. Später kamen dezent erotische, humoristische und religiöse Motive dazu. Schraubtaler sind heute noch geheimnisvoll und unterhaltsam. Fast nie lässt das Äußere auf den Inhalt schließen, und beim Öffnen wird man von der gleichen Neugier erfasst, die schon frühere Besitzer gespürt haben müssen. Ein Vergleich mit den „Überraschungseiern“ unserer Zeit mag gewagt erscheinen, liegt aber auf der Hand. 

Ursprünglich bestanden Schraubtaler aus zwei ausgehöhlten und mit Gewinde versehenen Talern, also aus echten Silbermünzen. Spätestens 1730 hatte der Augsburger Silberdrechsler Abraham Remshard jedoch eine zündende Idee: Er rationalisierte den Herstellungsprozess, indem er die silbernen Deckel im Gussverfahren fertigte und Serien bedruckter und kolorierter Papierbildchen einlegte. Die Schraubmedaille war geboren! Der Zeitpunkt für diese raffinierte Kombination aus Medaille und Druckgrafik war perfekt. Denn wenig später bot die Emigration der Salzburger Protestant:innen das ideale Schraubmedaillen-Motiv. 

Schraubmünzen von oben fotografiert, die farbenfrohen Motive der Salzburger Protestantenbewegung sind gut erkennbar.
Ursprünglich aus echten Silbertalern gefertigt, wurden Schraubtaler um 1730 durch den Augsburger Silberdrechsler Abraham Remshard vereinfacht. Mit gegossenen Silberdeckeln und eingelegten kolorierten Papierbildchen war die Schraubmedaille geboren.

Remshard und seine Nachahmer nutzten die Gunst der Stunde und brachten 1732 und 1733 zahlreiche Schraubmedaillen zur Salzburger Emigration heraus. Außen sieht man darauf meistens Emigrantenfamilien, die der Führung Gottes folgen, und ihre Aufnahme durch König Friedrich Wilhelm I. Das Bibelzitat „Könige sollen deine Pfleger sein“ in der Legende dient dabei als Anspielung auf den preußischen Regenten. Auf den Innenseiten der Deckel kleben vielfach Landkarten von Salzburg und Preußen, dem Ausgangs- und dem Endpunkt der Emigration. Im Inneren finden sich schließlich Stapel kleiner runder Bildchen, die mit Papierstreifen verbunden sind. Wenn man sie ausbreitet, ergeben sich farbenfrohe und detailreiche Girlanden, die die Geschichte der Salzburger Emigranten eindrucksvoll nacherzählen. 

Das Bankhaus Spängler ist heute stolz auf seine Sammlung von Medaillen und Schraubmedaillen zur Salzburger Protestant:innenemigration. Auch wenn ein dramatisches Ereignis den Anlass gab, künden sie von Mut und Zukunftsglauben. Darin liegt ihr zeitloser Wert.

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