EZB – im Wohlfühlmodus
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach vier Zinssenkungen im ersten Halbjahr im Juni letzten Jahres ihren Zinssenkungszyklus beendet. Im zweiten Halbjahr hat sie auf ihren Ratssitzungen die Zinsen nicht angetastet. Insgesamt hat die EZB ab Juni 2024 innerhalb von zwölf Monaten die Leitzinsen um 200 Basispunkte reduziert. Dies hat den Einlagesatz auf 2,00 % und den Hauptrefinanzierungssatz auf 2,15 % gedrückt.
Die EZB fühlt sich laut wiederholten Aussagen von ihrer Präsidentin Christine Lagarde mit der Ausrichtung ihrer Geldpolitik schon seit einigen Monaten wohl und sieht keinen triftigen Grund zu Zinsänderungen. So wurde demnach auf der Sitzung im Dezember weder über höhere noch über niedrigere Zinsen diskutiert. Die EZB will weiter von Sitzung zu Sitzung auf der Basis der vorhandenen Daten über ihre zukünftige Zins- und Geldpolitik entscheiden. Da die EZB im Dezember ihre Prognosen sowohl für die Konjunktur als auch für die Inflation erhöht hat, dürfte eine nochmalige Zinssenkung in weite Ferne gerückt sein. So erwartet die EZB für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,2 % (zuvor 1,0 %). Die Gesamtrate der Inflation sieht sie heuer bei 1,9 % (zuvor 1,7 %), die Kernrate soll 2,2 % (zuvor 1,9 %) betragen. Damit würde die Kernrate, die die volatilen Preise für Energie und Nahrungsmittel unberücksichtigt lässt, weiter über dem Ziel der EZB von 2 % bleiben. Die erhöhte Inflationsprognose liegt laut Aussagen von Lagarde unter anderem daran, dass die Löhne wieder stärker gestiegen seien. Es müssten wohl schon außerordentliche Umstände auftreten, damit die EZB die Zinsen doch nochmal senkt. Verschiedene EZB-Ratsmitglieder hatten in diesem Zusammenhang auf einen Einbruch der Wirtschaft, einen deutlich schwächeren US-Dollar oder eine drohende Zahlungsunfähigkeit eines Euro-Landes verwiesen.
Die Mehrheit der Marktteilnehmer:innen stellt schon seit einiger Zeit mögliche weitere Zinssenkungen der EZB in Frage. Sie diskutieren vielmehr, ob die EZB die Geldpolitik nicht schon zu sehr gelockert hat. Denn der aktuelle Zins liegt unter dem sogenannten neutralen Zins. Dieser wird mit 3 % angesetzt – unter der Annahme, dass die Eurozone ein Potenzialwachstum von 1 % aufweist und die Inflation 2 % beträgt. Ein neutraler Zins von 3 % besagt, dass auf diesem Niveau die Wirtschaft weder gebremst noch stimuliert wird. Durch das aktuelle Zinsniveau von rund 2 % wird zwar die Konjunktur angeschoben, aber auch die Inflation. Daher sind weitere Zinssenkungen riskant. Die Marktteilnehmer:innen erwarten heuer unveränderte Leitzinsen. Eine mögliche Zinserhöhung, die zum Beispiel durch Aussagen von EZB-Direktorin Isabel Schnabel zwischenzeitlich befeuert wurde, scheint angesichts der hohen Verschuldung vieler Euro-Länder jedoch auch unwahrscheinlich. Denn höhere Zinsen könnten einige Euro-Länder in Schwierigkeiten bringen. Zudem ist der EZB-Rat weiterhin von Anhänger:innen einer grundsätzlich lockeren Geldpolitik dominiert.
Ein Blick auf die Kapitalmärkte zeigt, dass Zinssenkungen nicht automatisch zu niedrigeren Marktzinsen führen. So erwies sich der im Frühjahr 2025 zu beobachtende Renditerückgang zweijähriger deutscher Bundesanleihen, stellvertretend für die Eurozone, nur als vorübergehend und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist im Jahresverlauf sogar deutlich gestiegen. Dies ist auf die geplanten Fiskalmaßnahmen und die damit verbundenen höheren Schulden zurückzuführen.
US-Fed – unter starkem politischem Druck
Die US-Notenbank Fed hat auch im Dezember 2025 die Leitzinsen erwartungsgemäß um 25 Basispunkte gesenkt. Die Spanne der Leitzinsen liegt nunmehr bei 3,50-3,75 %. Zu Beginn des aktuellen Zinssenkungszyklus, der im September 2024 begann und eine neunmonatige Pause umfasste, lagen die Leitzinsen bei 5,25-5,50 %. Das heißt, die Fed hat die Zinsen mittlerweile um 175 Basispunkte reduziert.
Die Entscheidung zu den Zinssenkungen erfolgte auf den letzten beiden Sitzungen nicht mehr einstimmig, was in der Historie der Fed eher selten vorgekommen ist. So hat sich der von US-Präsident Donald Trump installierte Fed-Gouverneur Stephen Miran für deutlichere Zinssenkungen um 50 Basispunkte eingesetzt. Dagegen gab es zuletzt zwei Stimmen, die unveränderte Zinsen forderten. Im FOMC, dem Entscheidungsgremium der Fed, scheint also zunehmende Uneinigkeit zu herrschen, was die zukünftige Geldpolitik der Fed unberechenbarer macht. Bislang ist es dem Fed-Vorsitzenden Jerome Powell noch gelungen, eine Mehrheit für eine bestimmte Zinsentscheidung zu formen.
Bei der Entscheidungsfindung legt die Fed ihren Fokus mittlerweile auf den US-Arbeitsmarkt und toleriert die nach wie vor zu hohe Inflation. Der Arbeitsmarkt zeigt Anzeichen von Schwäche und die Fed hat festgestellt, dass die Abwärtsrisiken für die Beschäftigung gestiegen sind. Gleichzeitig hat sie aber auch ihre Prognose zum Wirtschaftswachstum in den USA für 2026 deutlich auf 2,3 % erhöht. Und laut Aussagen von Powell entspricht der Leitzins nach den bisherigen Zinssenkungen nun weitgehend dem sogenannten neutralen Zins. Das heißt, aus Sicht der Fed bremsen die Zinsen mittlerweile die Wirtschaft nicht mehr, so dass sich die Notwendigkeit weiterer Zinssenkungen verringert hat. Folgerichtig haben sich die Zinsprojektionen der FOMC-Mitglieder – der sogenannte Dot Plot – nicht verändert. Sie deuten weiterhin auf nur eine Zinssenkung der Fed in diesem Jahr hin. Die Marktteilnehmer:innen erwarten heuer aktuell zwei Zinssenkungen von der Fed – eine im Juni und die andere im Dezember.
Dies ist Trump zu wenig, er fordert seit vielen Monaten weit umfangreichere Zinssenkungen von der Fed, denen sich die Fed und im Speziellen Powell mit Verweis auf die Unabhängigkeit der Zentralbank bislang widersetzt haben. Trump versucht jedoch immer vehementer, sein Ziel durchzusetzen. Am liebsten würde er Powell noch vor dem Ende dessen Amtszeit im Mai entlassen. Offenbar hält Trump nur die Sorge vor einer ausgeprägten negativen Marktreaktion von einem solchen Schritt ab. Allerdings besteht die Gefahr, dass mit einem neuen, Trump nahestehenden Fed-Vorsitzenden die US-Notenbank politisiert wird und ihre Unabhängigkeit verlieren könnte. Das heißt, die Fed könnte ihre Geldpolitik vor allem im zweiten Halbjahr stärker lockern, als es die wirtschaftlichen Daten rechtfertigen. Dies könnte von den Marktteilnehmer:innen negativ aufgenommen werden.
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Marketingmitteilung
Stand 14.01.2026
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