Ein herrlicher Blick breitete sich vor unseren Augen aus, man übersah wieder den ganzen Golf von Neapel. Blau lag das Meer in der Tiefe, und wo man den Blick hinwarf, überall war es bezaubernd schön. Das Essen, begleitet von neapolitanischen Sängern, war sehr gut und bald entwickelte sich eine sehr animierte Stimmung an diesem schönen Erdenfleck.
Diesen Eindruck von Capri finden wir im Reisetagebuch Carl Spänglers II. (1864 –1954), das er im Frühjahr 1907 über die „schönste“ seiner „bisher unternommenen Reisen“ verfasst hat. Die Lektüre des über 100 Seiten dicken Büchleins weckt gehörig das Fernweh. Carl Spängler II. war 1890 neben seinem Vater Carl I. als Gesellschafter ins Bankhaus Spängler eingetreten und hatte wichtige Modernisierungsschritte eingeleitet. Unter anderem hatte er 1906 den Firmensitz vom verschlafenen Mozartplatz ins viel besser gelegene Bazargebäude verlegt. Nun gönnte er sich eine kleine, dreiwöchige Auszeit.
12.–13. März: Fahrt im Orientexpress
Zunächst ging es am 12. März mit dem Orientexpress von Salzburg über Budapest an den Schwarzmeerhafen von Konstanza. Dort bestiegen Carl und Baumeister Richard Wagner, mit dem er die Reise gemeinsam unternahm, ein Linienschiff nach Istanbul, auf dem sie übernachteten. „Die Nacht schlief ich ganz gut, doch hatte das Schiff schon in der Frühe zu schaukeln und zu rollen begonnen, so daß ich gleich nach dem Frühstücke dem Meeresgotte mein Opfer darbringen mußte. Gleich hierauf war mir jedoch wieder wohl und ging ich am Deck auf und ab, die anderen Passagiere, die ihr Opfer darbrachten, betrachtend.“
14.–22. März: Istanbul
Die unvergesslichen Eindrücke, die Carl in Istanbul sammelte, entschädigten ihn für seine Seekrankheit. Er und Richard Wagner bezogen das elegante Hotel Kroecker, in dem auch schon Karl May übernachtet hatte. Sie mieteten eine Kutsche samt Fahrer und besichtigten alle wichtigen Sehenswürdigkeiten, wie die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, den großen Bazar und das Archäologische Museum, und viele weitere beeindruckende Orte. Auch die tanzenden Derwische ließen sie sich nicht entgehen. An den Abenden gab es gesellige Restaurantbesuche mit anderen Österreichern, die sie kennengelernt hatten. Am türkischen Essen fand Carl großen Gefallen. Mehrmals fuhren sie mit dem Schiff hinaus und bestiegen verschiedene Hügel der Umgebung, um das großartige Panorama der Stadt zu genießen. Ein Höhepunkt war die Wanderung auf den Bulgurlu-Hügel auf der asiatischen Seite. Dort „bot sich (…) eine Aussicht, die wohl zu den schönsten, die es auf Erden geben kann, zählt. Der tiefblaue Bosporus liegt zu unseren Füßen, an beiden Ufern reizende türkische Städtchen und am Ende desselben dehnt sich das Häusermeer Konstantinopels aus, überragt von den Minaretts der Moscheen. (…) Nur schwer konnte ich mich von dieser großartigen Fernsicht trennen.“ Bei allem Enthusiasmus erlaubte sich Carl aber auch kritische Anmerkungen, etwa am 16. März:
23.–26. März: Athen – Korinth – Mykene
Nach einer Woche in Istanbul folgte eine Mittelmeerkreuzfahrt mit dem deutschen Dampfer „Moltke“. Das Schiff bot „jeden Komfort, den man sich nur wünschen kann“, unter anderem Sonnendecks, zwei Speisesäle und ein „sehr reichliches Frühstück“ mit „Omelettes, Eierspeisen, Cotteletes, Fisch, etc.“. Zum Glück war die „Moltke“ so groß, dass man den Wellengang darauf nicht spürte … Vom Schiff wurden geführte Tagesausflüge an Land unternommen. Abends ergaben sich im Rauchersalon unterhaltsame Gesellschaften.
Am Vormittag des 23. März beobachtete Carl an Deck erwartungsvoll den Horizont. Endlich war zu Mittag „in weiter Ferne die so heiß erwartete Akropolis zu erblicken. (…) Gehobenen Herzens nähert man sich der Stätte der griechischen Geschichte.“ In Athen hielt er fest: „Wer würde hier nicht ergriffen von der Pracht des Klassischen Altertums!“ Darunter ergänzte er etwas profaner: „Von den einheimischen Weinen ist der Samos und der Arhaja Wein zu erwähnen.“ Am Festungsberg von Korinth entbrannte „eine lustige Schneeballschlacht (im März im sonnigen Griechenland!)“. Besonders beeindruckt war Carl von Mykene. Am „Grab des Agamemnon“ notierte er: „Gewaltige Steinblöcke sind oberhalb des Einganges (…), und kann man nicht genug staunen, wie in früheren Zeiten derartige Gewichte haben transportiert werden können.“
28. März – 1. April: Sizilien – Neapel – Capri
Am 28. März erreichte das Schiff Sizilien, und Carls Reisegegruppe ging in Messina an Land, um mit dem Zug an Zitronenwäldern vorbei nach Taormina zu fahren. Vom antiken Theater bot sich ein grandioser Blick „über das tiefblaue Meer. (…) Gegenüber erhebt der Ätna sein majestätisches Haupt. (…) Überall glänzen die Orangen und Citronen und die Kakteen fangen an zu blühen. Hier möchte man stundenlang einsam liegen, versunken in der Kraft der herrlichen Natur.“
In Palermo machte die Kapuzinergruft mit ihren zahlreichen mumifizierten Körpern „einen schauerlichen Eindruck“ auf Carl. Dieser Stätte wollte er „keinen zweiten Besuch mehr abstatten.“ Umso besser gefiel ihm der Palazzo Reale mit seiner prächtigen normannischen Palastkapelle.
Weiter ging die Reise nach Neapel und von dort nach Pompeji: „Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, welches einem anwandelt, wenn man diese Straßen durchschreitet.“ Es war, als würde im nächsten Moment „ein Römer erscheinen und seiner Tagesbeschäftigung nachgehen.“ Noch am selben Tag bestieg Carl den Vesuv. Am Kraterrand blieb er stehen, denn „schaurig-schön war dieser Blick in die Tiefe der Erde. (…) Überwältigt von der Großartigkeit der Szenerie war ich ganz in Gedanken versunken und wäre stundenlang hier gern stehen geblieben.“
Der letzte Höhepunkt der Reise war Capri.
Natürlich besuchte Carl auch die Blaue Grotte, die noch viel schöner war, als er es erwartet hatte.
Nach einem weiteren Tag in Neapel begann am 1. April die letzte Schiffsetappe in Richtung Genua. Nun hieß es, Abschied von den anderen Reisegefährten zu nehmen. Am 3. und 4. April fuhren Carl und Richard Wagner voll schöner Eindrücke mit dem Zug über Mailand, St. Gotthard und München zurück nach Salzburg, das sie noch winterlich verschneit vorfanden.
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